„Ihre Teilnehmer warten», sagt mir Zoom zu Beginn eines ganztägigen Kurses. Ich freue mich auf einen interaktiven,  motivierenden Tag. Und bin gleich irritiert. Ich starre auf zehn schwarze Kacheln. Dort, wo eigentlich Videos sein sollten, ist nur eine schwarze Wand. «Man kann die Kameras unten selbst aktivieren» – ich versuche mein Glück. Nichts passiert. Also führe ich acht Stunden lang Gespräche mit einem anonymen Publikum. Der Funke springt darum nicht wirklich über.

Mir graut entsprechend vor dem nächsten Kurstag. Etwas weniger motiviert lasse ich die Teilnehmenden am Folgetag eintreten. Wieder das gleiche Bild. Oh herrje. Und dann muss ich gleich noch was beichten: «Wir  hatten einen familiären Notfall – entsprechend kann es sein, dass die Kinder heute reinspazieren.» Pop, pop, pop – eine Kamera nach der anderen geht an. «Das ist doch absolut kein Problem, danke für die Offenheit.» Meine eher zufällige, persönliche Aussage führte von jetzt auf gleich zu einem ganz neuen Beziehungslevel.

Scheinbar eine Kleinigkeit, die den Rest des Kurses in ein interaktives Feuerwerk verwandelte.

Für mich ein kleines Beispiel dafür, dass es eigentlich nicht die Videokonferenzen an sich sind, die Nähe verhindern, sondern wie wir uns in ihnen bewegen.

Bis vor kurzem waren Video-Calls nur ein Mittel, um effizient Meetings mit internationalen Teammitgliedern abzuhalten. Nicht um sich auszutauschen, sondern um Traktanden abzuarbeiten. Und wenn wir ehrlich sind, unterscheiden sich da auch Meetings vor Ort nicht wesentlich.
Es entsteht im Sitzungszimmer keine Nähe, es wird gearbeitet. Der Beziehungsaufbau und die -pflege finden vorher und nachher in der Kaffee-Ecke oder im Lift statt. Meist nur bilateral.

Dabei wären eben persönliche Gruppenerlebnisse für eine erfolgreiche Kollaboration on- und offline wichtig.

Da wir bald wieder persönliche Meetings und Kurse abhalten dürfen, sollten wir wohl kurz innehalten. Gab es Erlebnisse, die in einem klassischen Meeting nie entstanden wären (ich meine nicht den Unterhosenblitzer vom Chef)? Was haben wir im letzten Jahr über das Näheschaffen auf Distanz gelernt? Nehmen wir das mit in den Büroalltag und machen das Zusammenkommen im Team – ob virtuell oder in Person – interaktiver, persönlicher, motivierender.

 

Erschienen am 3. Juni 2021 in der Handelszeitung.