Wer als Unternehmer:in ohne Kompromisse dem eigenen Wertekompass folgt und nicht locker lässt, kann echte Veränderung für Viele bewirken. Sandra Grimmer erzählt im Interview mit unserer Gastautorin Chantal Schmelz, wie sich konsequent neu gedachtes, werteorientiertes Unternehmertum anfühlt und wann die absolute Konsequenz einem vielleicht auch mal im Weg steht.

Wenn ich an konsequente neue Lösungen denke, dann kommen mir gleich dein Business, Seefeld.Style und die Yarn-to-Yarn®-Bewegung in den Sinn. Denn ihr macht dabei offenbar keine halben Lösungen, scheinbar keine Kompromisse oder Quick-Wins. Das zumindest, ist das, was man von aussen sieht. Wie siehst du das aus der Innenperspektive?

Am Anfang waren wir eigentlich gar nicht sooo konsequent.

Gestartet haben wir eher leichtherzig mit dem Ziel eine chice, langlebige Hose mit perfekter Passform zu entwickeln. Die ersten Seefeld-Hosen wurden zwar unter fairen Bedingungen hergestellt und waren dank ihrer Langlebigkeit auch irgendwie nachhaltig. Aber eben nur IRGENDWIE. Denn was wir damals nicht wussten ist, dass es noch keine kommerzielle Lösung gibt um Misch-Textilien mit Elasthan zu rezyklieren.

Als Quereinsteigerin in der Textilbranche war ich schockiert, als ich erfuhr, dass die Fashion-Industrie einer der schlimmsten Umweltverschmutzer ist. Fakt ist, dass nur gerade 5% des globalen “Textile-Waste” rezykliert wird. Die restlichen 95% landen meist irgendwo auf einer Müllhalde. Unglaublich, was so an Ressourcen verschwendet wird und unnötig C02 und Mikroplastik entsteht. Und das in einer Zeit, wo es mehr als offensichtlich ist, dass wir uns das als Menschheit gar nicht leisten können. Da können wir nicht einfach wegschauen. Wir wollen Teil der Lösung sein. Und da sind wir sehr konsequent.

War das also eine konsequente Business-Entscheidungen oder hast du dabei vor allem auf deinen  inneren (Werte-)Kompass vertraut, um konsequente Entscheidungen zu treffen?

Du sprichst den Wertekompass an. Der ist für uns ganz wichtig. Wir wollen etwas verändern und bewegen. Mit unserer lokalen Schweizer Zero Waste Produktion und der Yarn-to-Yarn ® Initiative für biologisches Molekular-Textil-Recycling fordern wir den Status Quo der Fashion-Industrie heraus. Und zwar in dem wir es machen. Wir fordern nicht einfach, wir machen.

Definitiv eine grosse Kiste und Neuland für die ganze Branche. Wir betreten den weissen Fleck auf der Landkarte, unser Wertekompass gibt uns dabei immer den notwendigen Halt.

Meiner Meinung nach braucht es Fokus und das konsequente Verfolgen von Visionen, um echte Veränderungen möglich zu machen. Doch, wo siehst du mögliche Nachteile oder Konsequenzen, wenn man Ziele und Visionen mit absoluter Konsequenz verfolgt?

Schwierigkeiten und Probleme sehe ich vor allem dann, wenn man Kompromisse macht oder wichtige Entscheidungen voreilig trifft, die nach Industriestandard zwar konsequent scheinen, ohne diese mit dem eigenen Wertekompass kalibriert zu haben.

Ein Beispiel: In der Vergangenheit hatten wir unsere Produzenten nach dem Preis-/Leistungsverhältnis ausgesucht. Was in allen Branchen ein Standard-Kriterium ist.

Bei Schönwetter ging das auch richtig gut. Aber in harten Zeiten oder wenn Probleme auftauchten, zeigte sich, dass eine gemeinsame Wertehierarchie oft mehr hilft als ausgefeilte Business-Verträge.

Die Konsequenz, die wir daraus gezogen haben, ist, dass wir mit den Schritt in die Kreislaufwirtschaft unsere Partner konsequent neu evaluiert haben und zwar in erster Linie danach, ob sie unsere Wertehaltung in Bezug auf Transparenz, Qualität und Nachhaltigkeit teilen. Kreislaufwirtschaft und Molekular-Recycling funktionieren nur mit Transparenz und echter Kollaboration.

Auf welche Entscheidungen in den letzten 3 Jahren bist du besonders stolz?

Stolz bin ich darauf, dass wir drangeblieben sind, uns von Augenrollen und Kopfschütteln nicht haben abbringen lassen, nachgeforscht haben und so zusammen mit befreundeten Wissenschaftlern die Lösung des Molekular-Recycling entwickelt haben. Eine Lösung, die für die ganze Textilindustrie Grosses bewegen kann.

Warum ist deiner Meinung nach Seefeld.Style eine konsequente Lösung für die Textilindustrie?

Weil wir konsequent Verantwortung übernehmen für unser Produkt, unsere Lieferkette und – da sind wir noch sehr einzigartig – auch für unsere Abfälle. Diese Haltung, das ist die Essenz der Kreislaufwirtschaft.

War es einfach eine logische Weiterentwicklung von Seefeld.Style, dass ihr daraus die Yarn-to-Yarn® Bewegung entwickelt habt?

Ja. Beim Komfort und der Performance unserer Hosen wollten wir keine Abstriche machen und gleichzeitig waren wir fest entschlossen uns in die Kreislaufwirtschaft zu integrieren. Alle haben uns gesagt, dass das nicht geht wegen dem Elasthan. Roland als Ingenieur und ich als Betriebswirtschafterin mit Pharma-Erfahrung konnten nicht glauben, dass es nicht möglich ist. Unsere Vermutung hat sich bestätigt: MÖGLICH ist es bereits seit einiger Zeit, aber der Druck vom Markt ist noch nicht hoch genug.

Jetzt habt ihr eine echte Alternative für nachhaltigen Kleiderkauf geschaffen. Wenn nun genügend weitere Labels der Yarn-to-Yarn®-Initiative beitreten, werden wir dann eine Wende in der Textilindustrie sehen oder braucht es diese Konsequenz auch an andere Stelle im System für echte Veränderung?

Mit Yarn-to-Yarn® setzen wir uns dafür ein, dass biologisches Molekular-Recycling und somit echtes Garn-zu-Garn-Recycling für die ganze Modebranche möglich und zugänglich wird. Dazu braucht es eine Bewegung, ein Miteinander auf verschiedenen Ebenen.

In der Fashion-Industrie tut sich zwar schon einiges, aber viele, die eigentlich einen Hebel hätten, spielen noch Mikado. Um das “Fashion Waste”-Problem zu lösen, braucht es ein zukunftsfähiges Molekular-Textilrecycling sowie Bekleidung, die dafür entwickelt werden. Nur so können wir die wertvollen Rohstoffe regenerieren und den Kreislauf effizient schliessen. Ohne toxische Chemie und ohne Umweg über den Kompost.

Damit das Realität wird, braucht es gesellschaftlichen und politischen Druck.

Jeder Kassenzettel ist auch ein Wahlzettel. Und auf dem sollte in Zukunft auch eine vorgezogene Recycling-Gebühr für Textilien stehen. So würden wir die (meist kleinen) Labels, die sich ehrlich für Nachhaltigkeit einsetzen, belohnen und die Grossen, die wirklich einen Hebel haben, in die Verantwortung nehmen.

 

Erschienen am 27. Oktober 2021 auf Beehive - das Magazin für Texte, die bewegen