Sonne, Strand – und sich einfach von den Wellen treiben lassen.

Davon haben die letzten zwölf Monate wohl viele geträumt. Schliesslich beschäftigen wir uns seit einem Jahr fast täglich mit Wellen. Aber leider eben anders. Es gilt, Ansteckungswellen mit allen Mitteln zu vermeiden. Klar, man kann auch beim Stand-up-Paddeln viel Spass haben, aber irgendwann möchten wir doch die Wellen reiten können.

Doch, wie lernt man eigentlich eine Welle zu reiten? Zuerst mit Trockenübungen und in einfachem Gewässer. Indem man anfangs die grossen Wellen meidet, lernt man zwei entscheidende Dinge, um sich später sicher in die Wogen zu stürzen: paddeln und beobachten. Irgendwann steigt das Vertrauen und man nimmt alles, was man am Strand und im flachen Wasser gelernt hat – und traut sich weiter raus.

Übertragen auf die Sehnsucht in der Schweiz, nun das Wellenreiten zu beginnen, sollte man nicht leichtsinnig sein. Nehmen wir unsere Erfahrungen aus unseren Trockenübungen und dem Paddeln also mit und gehen die dritte Welle professionell an. Wer die grossen Wellen surft, kann dies nur, weil bisherige Erfahrungen einfliessen.

Und obwohl man beim Surfen sein Brett nach eigenem Gutdünken steuert, ist man auch in den Wellen nicht allein. Alle möchten das grösstmögliche Surfvergnügen für sich. Durchaus vergleichbar mit den Diskussionen um die Lockerungen der Massnahmen.

In Zukunft müssten Ansteckungswellen – ob Covid-19 oder die der Grippe – dank der weltweit gewonnenen Erkenntnisse und «Paddelfähigkeiten» nicht immer wieder mit massiven Einschränkungen vermieden werden. Man könnte sie streckenweise souverän reiten. Aber nur, wenn uns klar wird, dass unser eigenes Verhalten in der Welle kein politisches Statement ist. Wir müssen niemanden damit beeindrucken. Nein, es muss auf den Erfahrungen beruhen, die wir während der Pandemie gemacht haben.

Und ja, selbst erfahrene Surfer machen immer mal wieder unliebsame Erfahrungen in der «Waschmaschine». Dennoch würde keiner danach sagen: «Alles, was ich bisher über Wellen gelernt habe, ist nutzlos – von jetzt an mach ich einfach, was ich will.» Nein, man akzeptiert, dass sich Naturgewalten nicht dem Menschen anpassen – auch dann nicht, wenn wir uns mit ganzer Kraft dagegenstemmen.

 

 

Erschienen am 18. März 2021 in der Handelszeitung.